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تاريخ القهوة التركية
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Mehr als Koffein: Die wahre Geschichte des türkischen Kaffees

5 Min. Lesezeit Aktualisiert: December 15, 2025

„Die Seele begehrt weder Kaffee noch das Kaffeehaus; die Seele begehrt die Gesellschaft, der Kaffee ist nur der Vorwand.”

Dieses alte türkische Sprichwort fasst perfekt zusammen, worum es hier eigentlich geht. Wenn wir über die Geschichte des türkischen Kaffees sprechen, reden wir nicht über Bohnen und heißes Wasser. Wir reden über Diplomatie, Rebellion und das ursprüngliche „Social Network” des 16. Jahrhunderts. Türkischer Kaffee ist seit über 500 Jahren der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält – und seit 2013 sogar offizielles UNESCO-Weltkulturerbe.

Aber wie wurde aus einer dunklen Brühe aus dem Jemen ein weltweites Phänomen, für das Sultane sogar Todesurteile verhängten? Lassen Sie uns die Fakten von den Mythen trennen.

Der Ursprung: Ein Geschenk für Süleyman den Prächtigen

Vergessen Sie die Legende vom tanzenden Ziegenhirten in Äthiopien für einen Moment. Die dokumentierte Geschichte des türkischen Kaffees beginnt im Osmanischen Reich, genauer gesagt in den 1540er Jahren. Der Mann, dem wir danken müssen, ist Özdemir Pascha, der osmanische Gouverneur des Jemen.

Er beobachtete, wie die lokale Bevölkerung ein Getränk aus Kaffeekirschen braute, um während nächtlicher Gebete wach zu bleiben. Beeindruckt von der Wirkung, brachte er die Bohnen an den Hof von Sultan Süleyman dem Prächtigen in Istanbul.

Im Topkapı-Palast wurde die Zubereitung perfektioniert: Die Bohnen wurden geröstet, fein gemahlen und in einem speziellen Kännchen (Cezve) langsam auf Holzkohleasche gekocht. Das Ergebnis war dicker, schaumiger und intensiver als alles, was man bis dahin kannte. Es dauerte nicht lange, bis auch die einflussreiche Hürrem Sultan dem neuen Elixier verfiel.

Das erste „Social Network”: Hakam und Shams

Während der Kaffee im Palast ein elitäres Vergnügen blieb, geschah 1554 (andere Quellen sagen 1555) etwas Revolutionäres. Zwei Händler, Hakam aus Aleppo und Shams aus Damaskus, eröffneten im Istanbuler Stadtteil Tahtakale das allererste Kaffeehaus der Geschichte.

Dies war der „Game Changer”. Vorher trafen sich Menschen in Moscheen oder zu Hause. Nun gab es einen öffentlichen Ort, an dem sich Dichter, Gelehrte und Schachspieler versammelten. Diese Orte wurden als Mekteb-i İrfan („Schulen des Wissens”) bekannt. Man trank Kaffee, spielte Backgammon und – was noch wichtiger war – man tauschte Neuigkeiten aus.

Wenn Sie heute in Istanbul durch die Gassen schlendern und authentisches türkisches Kochgeschirr oder eine handgefertigte Kupfer-Cezve suchen, wandeln Sie auf den Spuren dieser ersten Kaffeepioniere.

Warum Kaffee im Osmanischen Reich verboten wurde

Traditionelles türkisches Kaffeehaus

Wo viel geredet wird, wird auch viel kritisiert. Das gefiel nicht jedem Herrscher. Die Kaffeehäuser entwickelten sich schnell zu Brutstätten für politischen Diskurs und Kritik am Sultanat.

Der berüchtigtste Gegner des Kaffees war Sultan Murad IV. (reg. 1623–1640). Er sah in den versammelten Männern eine Gefahr für seine Macht. Seine Reaktion war drastisch: Er verbot Kaffee, Tabak und Alkohol. Historische Berichte besagen, dass er sich nachts verkleidete und durch die Straßen Istanbuls patrouillierte. Wer beim Kaffeetrinken erwischt wurde, musste mit der Todesstrafe rechnen.

Erst spätere religiöse Gelehrte, wie der Scheich-ul-Islam Bostanzade Mehmed Efendi, beendeten die Debatte. Er erließ eine berühmte Fatwa (Rechtsgutachten), die besagte, dass Kaffee nicht verboten (haram), sondern nützlich und wünschenswert sei. Er widmete dem Getränk sogar ein Gedicht – und der Kaffeehandel blühte wieder auf.

Der Export nach Europa: Wie die Türken den Westen aufweckten

Ironischerweise verdankt Europa seine Kaffeehauskultur dem Osmanischen Reich – teils durch Handel, teils durch Krieg.

  • Venedig (1615): Venezianische Händler brachten die Bohnen erstmals nach Italien. 1645 eröffnete dort das erste europäische Kaffeehaus.
  • England (1650er): Ein türkischer Kaufmann namens Pasqua Rosée eröffnete den ersten Kaffeestand in London.
  • Paris (1669): Der osmanische Botschafter Süleyman Ağa machte das Kaffeetrinken in der Pariser Aristokratie salonfähig.

Ein interessantes Detail: Nach der gescheiterten Zweiten Belagerung Wiens 1683 ließen die osmanischen Truppen säckeweise Kaffeebohnen zurück. Die Wiener hielten es zunächst für Kamelfutter, aber der Offizier Jerzy Franciszek Kulczycki erkannte den Wert, fügte Milch und Honig hinzu und erfand so die Wiener Melange.

Kaffeeanbau in der Türkei: Ein moderner Wandel

Lange Zeit war „Türkischer Kaffee” nur die Zubereitungsart, während die Bohnen aus dem Jemen oder später aus Brasilien importiert wurden. Tatsächlich begann Brasilien erst 1727 mit dem Anbau von Kaffee (geschmuggelt aus Französisch-Guayana) und wurde im 19. Jahrhundert zum Hauptlieferanten für das Osmanische Reich.

Doch heute ändert sich das Bild. Durch den Klimawandel und moderne Agrartechnik ist es der Türkei gelungen, eigenen Kaffee anzubauen. In den südlichen Regionen wie Mersin und Antalya laufen seit einigen Jahren erfolgreiche Projekte (unterstützt durch Institute wie BATEM), um türkischen Kaffee aus 100% heimischen Bohnen zu produzieren. Es ist noch eine Nische, aber eine wachsende.

Ein Ritual, das verbindet

Kaffee ist in der Türkei tief in den sozialen Riten verwurzelt – von der Wahrsagerei aus dem Kaffeesatz (Fal) bis hin zur Brautwerbung. Wenn die Familie des Bräutigams um die Hand der Braut anhält, muss die zukünftige Braut Kaffee servieren. Traditionell mischt sie Salz statt Zucker in die Tasse des Bräutigams. Trinkt er ihn ohne eine Miene zu verziehen, beweist er seine Geduld und Liebe.

Ob Sie nun beim Lebensmitteleinkauf in der Türkei nach der besten Röstung suchen oder einfach zu Hause eine Tasse genießen: Denken Sie daran, dass Sie gerade 500 Jahre Geschichte in den Händen halten. Es ist eine Tradition, die so reich und komplex ist wie ein handgeknüpfter anatolischer Teppich.

Guten Appetit – oder besser gesagt: Afiyet olsun!

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