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Agriculture in Turkey

Landwirtschaft in der Türkei: Zahlen, Ernten & staatliche Förderung

5 Min. Lesezeit Aktualisiert: January 11, 2026

Ohne Landwirtschaft würde in der Türkei nicht nur das Brot teurer, sondern ein ganzer Wirtschaftszweig ins Wanken geraten. Trotz Industrialisierung und Urbanisierung bleibt der Agrarsektor ein zentraler Pfeiler für Ernährungssicherheit, Beschäftigung und Exporte. Gleichzeitig steht er unter massivem Druck: Wassermangel, Klimarisiken und eine strengere staatliche Lenkung bestimmen den Alltag der Betriebe.

Dieser Überblick ordnet die aktuelle Lage ein, erklärt die wichtigsten Agrarregionen und zeigt, wie das staatliche Förder- und Produktionsplanungsmodell die türkische Landwirtschaft neu ausrichtet.

Landwirtschaft in der Türkei Überblick

Wichtige Faktoren für die türkische Landwirtschaft

  • Klimawandel und Dürre als Dauerproblem: Niederschlagsarme Winter und heiße Sommer sind kein Ausreißer mehr, sondern die neue Normalität. Besonders regenabhängige Anbaugebiete in Zentral- und Südostanatolien reagieren empfindlich. Viele Betriebe setzen inzwischen auf trockenresistentere Sorten oder verkleinern bewusst ihre Anbauflächen.
  • Wasserknappheit und sinkende Grundwasserspiegel: Bewässerungsbeschränkungen nehmen zu, vor allem in Becken mit strukturellem Wassermangel. In Zentralanatolien mehren sich Dolinen (Obruks) – ein sichtbares Warnsignal für Übernutzung. Insider-Tipp: Wer investieren will, sollte Regionen mit gesicherter Wasserzuteilung bevorzugen.
  • Arbeitskräfte: Landwirtschaftliche Arbeit bleibt arbeitsintensiv, verlässliche und aktuelle Sektor-Lohndaten liegen jedoch nicht in offiziell bestätigter Form vor. Viele Betriebe reagieren mit Mechanisierung oder Vertragsmodellen mit Arbeitsvermittlern.
  • Staatliche Produktionsplanung: Die verpflichtende „Tarımsal Üretim Planlaması“ steuert, welche Kulturen wo gefördert werden. Ziel ist weniger Wasserverbrauch und mehr Versorgungssicherheit bei Grundnahrungsmitteln.
  • Logistik und Lagevorteil: Trotz aller Probleme bleibt die Türkei ein Drehscheibenland für Agrarhandel zwischen Europa, Russland, dem Nahen Osten und Asien. Wer sich für die großen Akteure interessiert, findet eine Übersicht in unserem Beitrag zu den größten Unternehmen der Türkei.

Wichtige Statistiken zur Landwirtschaft in der Türkei

Aktuelle, vollständig bestätigte Produktions- und BIP-Zahlen liegen erst mit zeitlicher Verzögerung vor. Die folgenden Punkte basieren daher auf strukturellen Trends und den zuletzt verfügbaren offiziellen Veröffentlichungen vor Beginn des aktuellen Jahres.

  • Flächennutzung: Rund drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche entfallen weiterhin auf den Ackerbau, insbesondere Getreide. Der Anteil bewässerter Flächen steigt langfristig, reicht aber in Dürrejahren nicht aus, um Ertragsverluste vollständig auszugleichen.
  • Wirtschaftliche Bedeutung: Der relative Anteil der Landwirtschaft an der Gesamtwirtschaft nimmt seit Jahren ab, bleibt aber für Beschäftigung, ländliche Regionen und Deviseneinnahmen unverzichtbar.
  • Außenhandel: Die Türkei zählt weiterhin zu den führenden Exporteuren von Lebensmitteln und verarbeiteten Agrarprodukten. Schwankende Erntemengen werden häufig durch Preisbewegungen und höhere Veredelungstiefe abgefedert. Eine Einordnung der Handelsdaten finden Sie in unserer Analyse zu Außenhandelsindizes der Türkei.
  • Strukturwandel: Die laufende Landwirtschaftszählung und die Aktivierung brachliegender Flächen sollen die Datengrundlage verbessern und Produktivitätspotenziale heben.

Ernten in der Türkei: Ein Überblick

Je nach Region und Bewässerung unterscheiden sich die Ergebnisse stark. Während bewässerte Kulturen vergleichsweise stabil bleiben, reagieren Trockenanbau und empfindliche Obstsorten deutlich auf Wetterextreme.

Getreideanbau

Weizen

Weizenfelder in der Türkei

Weizen ist das Herzstück der Ernährungssicherheit. Die jüngsten verfügbaren Daten zeigen, dass Erträge stark vom Niederschlag abhängen. In trockenen Jahren steigt die Importabhängigkeit, um Mühlen und die große Mehl- und Pastaindustrie auszulasten.

Gerste

Gerste ist zentral für die Tierhaltung. Schwankende Ernten wirken sich direkt auf Futtermittelpreise aus, weshalb der Staat bei Engpässen regelmäßig mit Importkontingenten gegensteuert.

Mais

Maisanbau in der Türkei

Mais profitiert von Bewässerung, steht aber zunehmend im Fokus der Wasserpolitik. Ab der aktuellen Produktionssaison wird Mais in wasserarmen Becken nicht mehr gefördert – ein klarer Einschnitt für Betriebe in diesen Regionen.

Industriepflanzen

Baumwolle

Baumwolle bleibt eng mit der starken Textilindustrie verbunden. Hohe Produktionskosten und Wasserbedarf setzen die Anbauer unter Druck, die Weiterverarbeitung im Land sichert jedoch Wertschöpfung. Mehr dazu in unseren Artikeln über türkische Jeans-Hersteller und Handtuchmarken.

Zuckerrüben

Zuckerrüben gelten als vergleichsweise planbar, da Abnahme und Preise staatlich gestützt sind. Das macht sie für viele Betriebe zu einer stabilisierenden Kultur.

Tee

Teegärten in Rize

An der Schwarzmeerküste bleibt Tee ein verlässlicher Eckpfeiler. Die Produktion deckt nahezu den gesamten Inlandsbedarf, Exporte spielen nur eine Nebenrolle.

Ölpflanzen

Oliven

Olivenanbau in der Ägäisregion

Oliven unterliegen natürlichen Ertragsschwankungen. Nach starken Jahren folgen regelmäßig ruhigere Saisons. Die Türkei bleibt dennoch ein wichtiger Anbieter für Olivenöl und Tafeloliven.

Sonnenblumen

Sonnenblumen reagieren sensibel auf Hitzeperioden. Rückgänge erhöhen kurzfristig den Importbedarf für die Speiseölindustrie, weshalb sie als strategische Kultur gelten.

Obst und Gemüse

Haselnüsse

Die Türkei ist globaler Hauptlieferant für Haselnüsse. Wetterextreme und Schädlinge sorgen jedoch für starke Schwankungen – mit direkten Auswirkungen auf Weltmarktpreise.

Gemüse

Tomaten, Paprika und Gurken bleiben Exportschlager. Gewächshausproduktion in Antalya und Mersin federt wetterbedingte Risiken ab und sorgt für konstante Lieferfähigkeit.

Agrarregionen in der Türkei

Landwirtschaftliche Regionen in der Türkei Karte
  • Zentralanatolien: Schwerpunkt auf Getreide und Zuckerrüben, zunehmend geprägt von Wasserknappheit.
  • Ägäis & Mittelmeer: Exportorientierte Regionen mit Obst, Gemüse, Oliven und Gewächshausanbau.
  • Schwarzmeerregion: Haselnüsse, Tee und Milchviehhaltung. Mehr dazu in unserer Analyse zur Milcherzeugung.
  • Südostanatolien (GAP): Großflächiger Anbau von Baumwolle, Mais und Hülsenfrüchten dank Staudämmen.

Staatliche Unterstützung und Produktionsplanung

Das neue Fördermodell basiert auf verpflichtender Planung nach Anbaugebieten. Unterstützt werden vor allem strategische und wassersparendere Kulturen.

  • Basisunterstützung: Zuschüsse zu Diesel- und Düngerkosten für priorisierte Produkte.
  • Gezielte Planungsförderung: Höhere Unterstützung bei Anbau im Einklang mit den staatlichen Vorgaben, insbesondere in sensiblen Becken.
  • Einschränkungen: Wasserintensive Kulturen wie Mais sind in wasserarmen Regionen von der Förderung ausgeschlossen.
  • Brachflächen: Länger ungenutzte Flächen können verpachtet werden, um Produktionspotenzial zu aktivieren.
  • Finanzierung: Subventionierte Kredite, etwa über die Ziraat Bank, fördern Investitionen in effiziente Technik.

Die Landwirtschaft in der Türkei befindet sich im Umbau. Wer Chancen nutzen will – ob als Produzent, Investor oder Handelspartner – muss regionale Wasserverfügbarkeit, staatliche Planung und Marktlogik zusammendenken.

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