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Yunus Emre Poetry
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Yunus Emre Gedichte: Zeitlose Weisheit & Deutsche Übersetzungen

8 Min. Lesezeit Aktualisiert: December 15, 2025

Warum sollten wir im Jahr 2025 die Verse eines Mannes lesen, der vor über 700 Jahren in Zentralanatolien lebte? Die Antwort ist einfach: Weil Yunus Emre nicht nur ein Dichter war, sondern ein Seelenarzt für die Menschheit. In einer Zeit, in der wir oft die Orientierung verlieren, wirken seine Worte wie ein Kompass, der uns zurück zum Wesentlichen führt: zur Liebe, zur Toleranz und zu uns selbst.

Yunus Emre (ca. 1240–1320) ist die bedeutendste Stimme der türkischen Sufi-Tradition. Während seine Zeitgenossen oft auf Persisch oder Arabisch dichteten, wählte Yunus das einfache Türkisch des Volkes. Er brachte hohe mystische Philosophie auf die staubigen Straßen Anatoliens. Seine Botschaft war radikal und ist es bis heute: Der Weg zu Gott führt nicht über Dogmen, sondern über das menschliche Herz.

Yunus Emre Darstellung

Eine persönliche Anmerkung zur Übersetzung

Ich lebe in Eskişehir, der Stadt, in deren Erde Yunus Emre seine letzte Ruhe fand (im Dorf Sarıköy). Als Liebhaberin seiner Philosophie habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, seine Gedanken ins Deutsche zu übertragen. Dabei geht es mir nicht um eine akademische, wortwörtliche Übersetzung, die oft den Geist des Gedichts tötet. Vielmehr habe ich versucht, den Rhythmus und das Herz seiner Botschaft einzufangen.

Basierend auf den Werken des Ministeriums für Kultur und Tourismus habe ich diese Verse so interpretiert, dass sie für den modernen Leser zugänglich sind, ohne ihre mystische Tiefe zu verlieren. Begleitet werden die Texte von meinen eigenen Illustrationen, die von seinen Visionen inspiriert sind.

Ölgemälde von Eskişehir in der Vergangenheit

1. Das Exil der Seele

Dieses Gedicht erinnert uns daran, dass wir alle Reisende sind und unsere wahre Heimat nicht in der materiellen Welt liegt.

Gottes Glanz füllt die Welt, so weit und breit,
Doch sein wahres Wesen bleibt verborgen in der Zeit.
Such nicht im Außen, blick tief in dich hinein,
Denn die Wahrheit im Herzen wird immer weise sein.

Das Jenseits bleibt dem Auge noch verwehrt,
Drum lasst unser Tun auf Erden sein unversehrt.
Das Exil bringt Schmerz, wie ein schwerer Stein,
Wer einmal ging, kehrt nie zurück ins irdische Sein.

So lasst uns Freunde sein, das Leben versüßen,
Die Lasten teilen, wenn wir uns grüßen.
Liebe und werde geliebt, schätze das Sonnenlicht,
Denn diese Erde gehört einem Einzigen nicht.

Yunus spricht klar, damit jeder es hört,
Worte, die hallen, vom Herzen genährt:
Lebt gut und gerecht auf diesem runden Ball,
Denn niemand bleibt ewig in diesem irdischen Tal.

Yunus Emre Dichter Fantasie

2. Der Mond im Herzen

Wenn ich mein Gesicht zur Erde neige nieder,
Seh ich den Halbmond im Himmel wieder.
Ob Winter oder Sommer, zum Frühling sie streben,
Für mich ist jeder Tag ein festliches Leben.

Keine Wolke soll wagen, das Licht zu verhüllen,
Den mondhellen Schein, den strahlenden Willen.
Vom Boden zum Himmel ein Schimmern erwacht,
Wie Sterne, die tanzen in der mondhellen Nacht.

In der Kammer des Herzens das Licht entsteht,
Das Dunkelheit bannt und niemals vergeht.
Wie kann in diesem Raum, so hell und rein,
Noch Platz für Schatten und Düsternis sein?

Yunus Emre Gedicht Illustration

3. Wahres Wissen (İlim İlim Bilmektir)

Dies ist eines der berühmtesten Gedichte von Yunus Emre. Es kritisiert leeres Bücherwissen, das nicht zur Selbsterkenntnis führt.

Wissen heißt, die Welt zu verstehen,
Doch wahres Wissen ist, sich selbst zu sehen.
Wenn du nicht weißt, wer du im Innersten bist,
Welchen Wert hat das Wissen, das du gewinnst?

Du liest und studierst, um Wahrheit zu finden,
Doch lässt du dich nur von Worten binden.
Wenn du liest, aber den Sinn nicht spürst,
Ist es vergebens, wohin du dich führst.

Sag nicht: “Ich habe gelesen, ich bin gelehrt”,
Wenn dein Herz sich nicht zur Wahrheit kehrt.
Wenn du das Wesen nicht erkennst, das reine,
Bleibt deine Reise eine leere, eine kleine.

Vier heilige Bücher, voll Weisheit schwer,
Doch ein einziger Buchstabe wiegt oft mehr.
Wenn du das Eine im Vielen nicht siehst,
Sag mir, warum du dann überhaupt liest?

Yunus Emre spricht zu dir, laut und klar:
“Pilgere tausendmal, Jahr für Jahr.
Doch fragst du mich, was Gott am meisten liebt?
Es ist das Herz, das sich dem Nächsten gibt.”

Yunus Emre Dichter Fantasie

4. Die alchemistische Kraft der Liebe

Hört gut zu, Freunde, so nah und so lieb,
Die Liebe ist das, was uns ewig antrieb.
Ein Herz, das niemals die Liebe empfand,
Ist wie ein toter Stein im Wüstenland.

Was wächst in Herzen, so hart und so kalt?
Erst sanfte Worte, doch der Zorn folgt bald.
Ein leises Flüstern wird schnell zum Geschrei,
Ein Funke genügt, und der Krieg ist dabei.

Doch Liebe lässt Seelen wie Wachs zerfließen,
Lässt Blumen selbst im Winter sprießen.
Nur Herzen aus Stein, finster und schwer,
Finden zum wärmenden Licht nimmermehr.

Wer Gottes Weisheit wirklich versteht,
Ist wie ein Ozean, der niemals vergeht.
In Tiefen muss man tauchen, weit und breit,
Um Perlen zu finden in der Ewigkeit.

Yunus Emre Gedicht Vision

5. In Gräbern fand ich Nationen

Ein “Memento Mori” (Gedenke des Todes), das uns an die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod erinnert – ob König oder Bettler.

In Gräbern fand ich Völker, einst voller Leben,
Mächtig und stolz, nach Größe am Streben.
Tapfere Seelen, Geschichten verweht,
Wo nun der Wind über Grabsteine geht.

Minister, Lehrer und Helden von einst,
Der Tod macht keinen Unterschied, wie du wohl meinst.
Ihre Tage sind nun in Nacht gehüllt,
Das Schicksal hat sich für alle erfüllt.

Gerade war ihr Weg, sie wankten nie,
Mit Federn schrieben sie Poesie.
Wie Nachtigallen klang ihr Gesang,
Nun ruhen sie alle, den Korridoren entlang.

Pferde wirbelten Staub auf, Fanfaren erklangen,
Mit Trommeln sind sie in den Krieg gegangen.
Einst beugte sich vor ihnen Land und Meer,
Nun ist ihre Macht nur noch Legende, so leer.

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Yunus Emre poetische Darstellung

6. Das Buch des Körpers

Wir traten ein in das Reich des Verstehens,
Erkannten die Geheimnisse des irdischen Gehens.
Mit dem Himmel im Wirbel, die Erde als Schicht,
Unter tausenden Schleiern fanden wir Licht.

Nacht und Tag, der Planeten Lauf,
Heilige Worte taten sich auf.
Die Reise des Moses, des Tempels Pracht,
Alles, was Israfils Horn hat erdacht,
All diese Weisheit, so wahr und so rein,
Fanden wir im Körper, im menschlichen Sein.

Tora, Psalmen oder Koran-Gesang,
Ihr tiefster Sinn ist kein Zwang.
Ihre Wahrheiten, ohne Schleier und Zier,
Entdeckten wir im Menschen, und nicht auf Papier.

7. Die Sprache der 72 Nationen

Zur Stille lasst uns den Tauben lauschen,
Wenn ihre Seelen in Weisheit rauschen.
Wir verstanden, ohne ein Wort zu hören,
Denn wahres Verstehen kann niemand zerstören.

Wir umarmten die Liebe, wurden zu Liebenden gar,
In jedem Moment, der vergänglich war.
Gott teilte die Völker in zweiundsiebzig Zungen,
Doch in der Liebe ist uns die Einheit gelungen.

Der bescheidene Yunus füllt Erde und Luft,
Wie eine Blume mit ihrem Duft.
Unter jedem Stein, da wartet das Licht,
Und die Wahrheit, sie lügt uns nicht.

8. Jenseits der Rituale

Unsere Gesetze sind anders geschrieben,
Kein Dogma kann unsere Liebe vertreiben.
Wir trennen uns nicht in Sektierer und Fromme,
Wir warten darauf, dass die Wahrheit komme.

Ohne Wasser zur rituellen Waschungs-Pflicht,
Brauchen wir Hände und Füße nicht.
Denn unser Gebet ist ein innerer Klang,
Ein ewiger, stiller Lobgesang.

Ob Kaaba, Moschee oder stilles Gebet,
Jeder seinen eigenen Weg doch geht.
Wer ist wer? Wer hat Recht? Wer irrt?
Morgen sehen wir, wer verwirrt.

Yunus, erneuere deine Seele geschwind,
Halte Freunde im Herzen, wie ein sanfter Wind.
Erkenne die Stärke, die in dir ruht,
Und höre das Flüstern der Liebe, so gut.

9. Der Fluss der Einheit

Aus dem Quell der Wahrheit trinken wir klar,
Und rufen staunend: Allah-u-Akbar.
Auf dem Ozean der Macht rudern wir fort,
Mit Stärke erreichen wir den sicheren Ort.

Jenseits der Hügel, der Wälder und Auen,
Lernen wir, auf das Göttliche zu vertrauen.
Unsere Reise ist gesegnet, Schritt für Schritt,
Wir nehmen das Lob des Schöpfers mit.

Wie ein Fluss haben wir die Ebenen geformt,
Sind ins Meer geflossen, wo die Brandung tobt.
Dann in Fülle, wie der Regen so schwer,
Sind wir eins geworden mit dem großen Meer.

Als Diener an Taptuks Tür steht er hier,
Yunus der Arme, auf dem Weg zu Dir.
Einst war er roh, nun ist er “gekocht” und rein,
In Vollendung darf er nun endlich sein.

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