İstiklal Marşı – Text, Geschichte und Bedeutung der Hymne
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In der Türkei gibt es einen Moment, in dem selbst der lauteste Schulhof still wird: Sobald der İstiklal Marşı erklingt, steht das ganze Land stramm. Kaum eine andere Nationalhymne ist so tief im Alltag verankert.
Der İstiklal Marşı (Unabhängigkeitsmarsch) wurde am 12. März 1921 von der Großen Nationalversammlung angenommen – mitten im Befreiungskrieg, noch vor der formellen Staatsgründung. Der Text stammt vom Nationaldichter Mehmet Akif Ersoy. Die heute offizielle Melodie komponierte Osman Zeki Üngör, orchestriert von Edgar Manas. Das Gedicht besteht aus zehn Strophen, gesungen werden bei offiziellen Anlässen jedoch ausschließlich die ersten beiden.

Bedeutung und Symbolik
Der İstiklal Marşı steht – gleichrangig mit der Flagge – für nationale Einheit. Er wird bei Staatsakten, Sportereignissen, Schulfeiern und Gedenktagen stehend und in völliger Ruhe gesungen. Sprechen, Applaudieren oder Filmen während der Hymne gilt als respektlos.
Mehmet Akif Ersoy verband tiefen Glauben mit patriotischer Pflicht. In der Tradition von Denkern wie Rumi verstand er Freiheit als moralische Verantwortung. Das berühmte erste Wort „Korkma!“ („Fürchte dich nicht!“) ist bis heute ein kollektiver Zuspruch – besonders in politisch oder gesellschaftlich angespannten Zeiten.
Die Geschichte der Entstehung
Während des Befreiungskrieges schrieb das Bildungsministerium einen Wettbewerb für eine Nationalhymne aus. 724 Gedichte wurden eingereicht, doch keines überzeugte das Parlament.
Mehmet Akif Ersoy beteiligte sich zunächst nicht, da ein Preisgeld von 500 Lira ausgelobt war. Für ihn war es unvorstellbar, patriotische Dichtung zu verkaufen. Erst nach persönlichem Zureden durch Bildungsminister Hamdullah Suphi und der Zusicherung, das Geld spenden zu dürfen, reichte er sein Gedicht ein.
Am 12. März 1921 wurde der Text im Parlament unter langanhaltendem Beifall angenommen. Das Preisgeld spendete Ersoy vollständig an Darülmesai, eine Einrichtung zur handwerklichen Ausbildung von Frauen und Kindern. Den İstiklal Marşı nahm er bewusst nie in seine Gedichtsammlung Safahat auf: „Dieses Werk gehört nicht mir, sondern der Nation.“
Parallel dazu prägten Intellektuelle wie Halide Edip Adıvar mit Reden und Schriften das nationale Selbstverständnis der jungen Republik.
Aktuelle Bedeutung und Gedenktage
Der 12. März wird offiziell als „Tag der Annahme des İstiklal Marşı und Gedenktag für Mehmet Akif Ersoy“ begangen. Schulen, Universitäten und Kulturinstitutionen organisieren Lesungen, Theaterstücke und Ausstellungen. Besonders verbreitet ist der landesweite Rezitationswettbewerb „İstiklâl Marşı’nı Güzel Okuma Yarışması“.
Auch in der Diaspora – etwa an türkischen Schulen und Kulturvereinen in Deutschland – gehört die gemeinsame Rezitation fest zum Jahreskalender. Praktischer Hinweis für Gäste: Bei offiziellen Veranstaltungen wird erwartet, dass alle Anwesenden während der Hymne aufstehen.
Die Hymne im Bildungssystem
Im türkischen Schulwesen ist der İstiklal Marşı fest verankert. Sein Text hängt in jedem Klassenzimmer – zusammen mit der Flagge und dem Porträt Atatürks. Im Unterricht wird er sprachlich, historisch und religiös analysiert.
Der Bezug zum Gebetsruf (Ezan) zeigt die historische Verbindung zwischen Glauben und nationaler Identität – ein Thema, das auch im Beitrag Wie wurden die Türken muslimisch ausführlich erläutert wird.
Rechtlicher Status und Protokoll
Der İstiklal Marşı steht unter besonderem gesetzlichen Schutz. Aufführung, musikalische Bearbeitung und öffentliche Nutzung sind klar geregelt. Respektlose Darstellungen oder Verfremdungen können strafrechtlich verfolgt werden. Offiziell existieren zwei Fassungen: eine für den Massengesang und eine für staatliche Zeremonien.
Deutsche Übersetzung der Türkischen Nationalhymne
Sinngemäße Übersetzung zur inhaltlichen Orientierung.
Fürchte dich nicht, sie erlischt nicht, die in diesem Morgengrauen flatternde rote Flagge,
Solange nicht der letzte Ofen aufhört über meiner Heimat zu rauchen.
Es ist der Stern meines Volkes, der glänzen wird;
Es ist mein, es ist nur der meines Volkes allein.Mache bitte keine finstere Miene, o zierliche Mondsichel!
Lächle meinem mutigen Volk zu; wozu diese Strenge, wozu dieser Zorn?
Sonst wird unser für dich vergossenes Blut nicht erlaubt.
Die Unabhängigkeit ist das Recht meines an Gott glaubenden Volkes.[…]
Originaltext in osmanischer Schrift
قورقما، سونمز بو شفقلرده یوزن آل سنجاق؛
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Türkischer Originaltext (Lateinische Schrift)
Korkma, sönmez bu şafaklarda yüzen al sancak;
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