Nazım Hikmet Gedichte: Seine 10 schönsten Werke – frei nachgedichtet auf Deutsch
Table of Contents
Kaum ein Dichter wurde so oft verbannt – und gleichzeitig so leidenschaftlich gelesen. Nazım Hikmet gehört bis heute zu den Stimmen, die über politische Systeme hinweg wirken: unbequem, zärtlich, radikal menschlich.
Der türkische Lyriker stammte aus einer privilegierten Familie, stellte sich aber früh gegen Unterdrückung und soziale Ungleichheit. Nach den sogenannten „Donanma“-Prozessen wurde er 1938 zu insgesamt 28 Jahren und 4 Monaten Haft verurteilt; 1950 kam er durch eine Generalamnestie frei. 1951 verließ er die Türkei und lebte fortan im Exil, vor allem in der Sowjetunion. Am 25. Juli 1951 entzog ihm die türkische Regierung die Staatsbürgerschaft; dieser Beschluss wurde am 5. Januar 2009 offiziell aufgehoben. Am 3. Juni 1963 starb Hikmet in Moskau – doch seine Heimat blieb zentraler Bezugspunkt seiner Dichtung.

Hinweis: Die folgenden Texte sind freie, poetische Nachdichtungen auf Deutsch. Sie orientieren sich an Bildsprache, Ton und Haltung der Originale und erheben keinen Anspruch auf wörtliche Übersetzung.
1. Der blauäugige Riese (Mavi Gözlü Dev)
Ein leises, fast märchenhaftes Gedicht über die Unvereinbarkeit von großer Idee und kleinem Glück.
Es war einmal ein Riese mit blauen Augen,
der liebte eine winzige Frau.
Die Frau aber träumte von einem kleinen Haus,
von einem Garten, in dem das Geißblatt duftet.
Der Riese liebte maßlos, wie Riesen eben lieben,
mit Händen für Umstürze geboren,
nicht für das Mauern stiller Wände.
Er konnte ihren Traum nicht bauen.
In seinen Augen brannten Sterne aus Traurigkeit.
Die Frau, müde der schweren Schritte,
ging schließlich mit einem Zwerg, reich an Ruhe.
Der Riese blieb zurück und verstand:
Manche Liebe ist zu groß für ein kleines Haus.

2. Der Walnussbaum (Ceviz Ağacı)
Ein ikonisches Gedicht, eng verbunden mit dem Gülhane-Park in Istanbul – politisch, poetisch, persönlich.
Mein Kopf ist eine Wolke über dem Bosporus;
ich bin ein Walnussbaum im Gülhane-Park.
Ich stehe hier, alt und verwurzelt,
doch weder du noch der Polizist wisst: Das bin ich.
Meine Blätter greifen nach der Stadt,
tausend Hände, tausend Augen.
In jedem Blatt schlägt ein Herz.
Reiß eines ab, Rose,
und trockne deine Tränen damit.
Ich stehe hier und rausche mein Lied.
Unbemerkt. Unbeugsam.

3. Grüße an die Arbeiterklasse (Türkiye İşçi Sınıfına Selam!)
Hikmets unverstellter Blick auf Arbeit, Würde und Solidarität.
Ein Gruß an die Arbeiter der Türkei!
Möge Frieden Wurzeln schlagen.
Kein Mensch soll hungrig schlafen,
kein Mensch am Tag zerbrechen.
Brot, Bildung, Freiheit –
das ist kein Traum, das ist euer Recht.
Eure Hände tragen die Zukunft.

4. Kuvâyi Milliye Destanı (Kuvâyi Milliye)
Ein episches Langgedicht über den Unabhängigkeitskrieg und die Menschen darin.
Ihr, die ihr gefallen seid,
von Sakarya bis Dumlupınar –
euer Schweigen prüft uns.
Vergesst uns nicht vergessen zu lassen,
warum ihr gegangen seid.
Freiheit ist kein Denkmal,
sie will verteidigt werden.
5. Deine Augen (Gözlerin)
Liebe aus der Distanz – geschrieben hinter Mauern.
Deine Augen sind Sonne,
selbst im Kerker.
Sie sehen das Leid
und bleiben hell.
In ihnen wohnt eine Welt,
in der Menschen Brüder sind.
Mehr zur spirituellen Tradition der türkischen Dichtung: Rumi: Die zeitlose Weisheit eines türkischen Sufi-Mystikers.

6. Die Sehnsucht (Hasret)
Exil in wenigen Zeilen.
Die Stadt wartet auf mich.
Ich renne durch Jahre,
zurück zu dir.
Wie bei Halide Edip Adıvar wird Trennung hier zur politischen Erfahrung.
7. Meine Geliebte
Ein radikales Liebesbekenntnis zur Wahrheit.
Wenn ich dich anlüge,
soll meine Zunge verstummen.
Denn Liebe ohne Wahrheit
ist nur Lärm.

8. Vaterlandsverräter (Vatan Haini)
Scharfe Ironie gegen Macht und Heuchelei.
Wenn Heimat Profit heißt,
dann bin ich der Verräter.
Schreibt es fett in die Zeitung.
Die Spannungen zwischen Staat und Intellektuellen zeigen sich auch in der Geschichte um Mustafa Kemal Atatürk.
9. Wenn du eine Wolke wärst (Bulut Mu Olsam)
Ein philosophisches Gedicht über Ganzheit.
Ich will nicht Wolke sein,
nicht Schiff, nicht Fisch.
Ich will das Meer sein.
Alles zugleich.

10. Blauer Hafen (Mavi Liman)
Ein stiller Abschied.
Ich bin müde, Kapitän.
Lass mich treiben.
Fazit: Nazım Hikmet schreibt über Liebe, Klassenkampf, Heimat und Verlust – klar, direkt, ohne Pathos. Seine Gedichte funktionieren bis heute, weil sie Haltung haben. Wer ihn liest, liest nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart.
Weiterführende Lektüre
- Teekultur in der Türkei: Die Kultur hinter der Tasse enträtseln
- Atatürk Zitate und Leben
- Orhan Pamuk Bücher und Auszeichnungen







