Erbrecht in der Türkei: Ein Leitfaden für Ausländer 2025
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Der Tod eines Angehörigen ist emotional belastend genug. Wenn dieser Angehörige jedoch Vermögen in der Türkei hinterlässt, sehen sich die Hinterbliebenen oft mit einem zweiten Schock konfrontiert: der türkischen Bürokratie. Viele Ausländer gehen davon aus, dass ihr heimisches Testament automatisch auch für das Ferienhaus in Antalya oder die Wohnung in Istanbul gilt. Das ist ein gefährlicher Irrtum.
Hier ist die Realität: Immobilien in der Türkei unterliegen ausschließlich türkischem Recht – unabhängig von Ihrer Staatsbürgerschaft. Ohne die korrekten Papiere bleiben Bankkonten eingefroren und Grundbucheinträge gesperrt. In diesem Leitfaden führen wir Sie durch den Dschungel des türkischen Erbrechts, aktualisiert mit den Steuerdaten für 2025, und zeigen Ihnen, wie Sie Ihr Erbe sicher antreten.
Grundprinzip: Wie Ausländer in der Türkei behandelt werden
Das türkische Rechtssystem basiert auf dem Schweizer Zivilgesetzbuch und ist strikt säkular. Entgegen mancher Mythen spielt das islamische Recht (Scharia) vor staatlichen Gerichten keine Rolle. Grundsätzlich sind ausländische Erben den türkischen Staatsbürgern gleichgestellt. Es gibt jedoch eine entscheidende Unterscheidung, die Sie kennen müssen:
- Bewegliches Vermögen (Geld, Autos, Aktien): Hier kann das Recht des Heimatlandes des Verstorbenen angewendet werden, sofern dies testamentarisch verfügt wurde oder das Gericht dies zulässt.
- Unbewegliches Vermögen (Immobilien): Hier gilt das Lex rei sitae-Prinzip. Das bedeutet: Für jede Immobilie auf türkischem Boden gilt zwingend türkisches Erbrecht. Ein deutsches oder englisches Testament, das diese Regeln ignoriert, könnte in Bezug auf die „Pflichtteile” (Saklı Pay) unwirksam sein.
Für detaillierte Informationen zur Beglaubigung von Dokumenten, die Sie für diesen Prozess benötigen, empfehle ich unseren Artikel zur Beglaubigung in der Türkei.
Die gesetzlichen Erbquoten: Wer bekommt was?
Wenn kein wirksames Testament vorliegt, greift die gesetzliche Erbfolge des türkischen Zivilgesetzbuches (Türk Medeni Kanunu). Das System ist logisch aufgebaut und priorisiert die Kernfamilie.
Szenario 1: Ehepartner und Kinder
Dies ist der häufigste Fall. Der überlebende Ehegatte und die Kinder teilen sich das Erbe:
- Ehepartner: 1/4 (25 %) des Nachlasses.
- Kinder: 3/4 (75 %) des Nachlasses, zu gleichen Teilen aufgeteilt.
Szenario 2: Ehepartner und Eltern (keine Kinder)
Hinterlässt der Verstorbene keine Kinder, erben die Eltern (oder deren Nachkommen, also Geschwister des Verstorbenen) mit:
- Ehepartner: 1/2 (50 %) des Nachlasses.
- Eltern/Geschwister: 1/2 (50 %) des Nachlasses.
Szenario 3: Keine Kinder, keine Eltern
Sind weder Kinder noch Eltern (oder deren Nachkommen) vorhanden, erben die Großeltern mit:
- Ehepartner: 3/4 (75 %) des Nachlasses.
- Großeltern: 1/4 (25 %) des Nachlasses.
Gibt es gar keine Verwandten, erbt der Ehepartner alles. Gibt es keinen Ehepartner und keine Verwandten, fällt das Erbe an den türkischen Staat. Dies unterstreicht die Wichtigkeit familiärer Dokumentation, wie sie auch in der Heirats- und Scheidungsstatistik oft relevant ist.
Der Prozess: Schritt für Schritt zum Erbschein
Der Schlüssel zur Verfügungsgewalt über das Erbe ist der sogenannte Veraset İlamı (Erbschein). Ohne dieses Dokument rührt keine Bank und kein Grundbuchamt einen Finger. Für Ausländer ist der Weg dorthin etwas steiniger als für Einheimische.
Schritt 1: Dokumente im Heimatland beschaffen
Sie müssen beweisen, wer Sie sind und in welchem Verhältnis Sie zum Verstorbenen standen. Besorgen Sie:
- Sterbeurkunde: International oder mit Apostille.
- Erbschein aus dem Heimatland: Dieser beweist die Rechtslage in Ihrem Land.
- Familienstammbuch/Geburtsurkunden: Zum Nachweis der Verwandtschaft.
Alle ausländischen Dokumente müssen in die türkische Sprache übersetzt und von einem Notar in der Türkei oder der türkischen Botschaft beglaubigt werden.
Schritt 2: Das Gericht (Sulh Hukuk Mahkemesi)
Während türkische Staatsbürger oft einfach zum Notar gehen können, müssen ausländische Erben (oder wenn ein ausländisches Testament involviert ist) meist das Zivilgericht des Friedens (Sulh Hukuk Mahkemesi) anrufen. Der Grund: Das Gericht muss prüfen, ob Gegenseitigkeit besteht und ob die Dokumente korrekt sind. Rechnen Sie hier mit einer Verfahrensdauer von wenigen Wochen bis zu einigen Monaten.
Schritt 3: Die Erbschaftssteuer (Veraset ve İntikal Vergisi)
Bevor eine Immobilie auf Ihren Namen umgeschrieben werden kann, will der türkische Staat seine Steuer sehen. Die gute Nachricht: Im internationalen Vergleich sind die türkischen Erbschaftssteuersätze moderat. Die Erklärung muss innerhalb von 4 Monaten nach dem Tod (wenn der Tod in der Türkei eintrat) oder 6 Monaten (wenn er im Ausland eintrat) abgegeben werden.
Aktuelle Steuersätze für Erbschaften (Stand 2025):
| Steuersatz | Wert des Erbteils (Bemessungsgrundlage) |
|---|---|
| 1 % | Die ersten 2.400.000 TL |
| 3 % | Die nächsten 5.700.000 TL |
| 5 % | Die nächsten 12.000.000 TL |
| 7 % | Die nächsten 24.000.000 TL |
| 10 % | Beträge über 44.100.000 TL |
Zusätzlich gibt es Freibeträge. Im Jahr 2025 sind für Kinder und Ehepartner jeweils 2.316.628 TL steuerfrei. Erbt der Ehepartner allein (ohne Kinder), beträgt der Freibetrag sogar 4.636.103 TL. Wenn Sie Geld für die Steuerzahlung transferieren müssen, lohnt sich ein Blick auf unseren Vergleich der Western Union Gebühren oder PayPal Alternativen.
Häufige Stolpersteine für Praktiker
1. Die Steuer-Blockade
Sie können die Immobilie im Grundbuch (Tapu) erst umschreiben lassen, wenn das Finanzamt eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellt. Diese erhalten Sie erst nach Zahlung der Erbschaftssteuer.
2. Gemeinsames Eigentum
Oft gehört eine Immobilie mehreren Erben gemeinsam. In der Türkei entsteht eine Erbengemeinschaft (Elbirliği Mülkiyeti). Um die Immobilie zu verkaufen, müssen sich alle Erben einig sein. Ist dies nicht der Fall, kann jeder Erbe eine Teilungsklage (Izale-i Şüyu) einreichen, bei der die Immobilie zwangsversteigert wird – meist weit unter Wert.
3. Das Testament (Vasiyetname)
Ein ausländisches Testament ist in der Türkei gültig, wenn es die Formvorschriften des Haager Testamentsübereinkommens erfüllt. Aber Vorsicht: Es darf nicht gegen den türkischen Pflichtteil (Saklı Pay) verstoßen. Sie können Ihre Kinder in der Türkei nicht einfach enterben, wie es beispielsweise in angelsächsischen Ländern möglich wäre. Der Pflichtteil ist in der Türkei sehr stark geschützt.
Beerdigungen und letzte Schritte
Neben den rechtlichen Aspekten gibt es auch organisatorische Hürden. Eine Bestattung in der Türkei oder die Überführung des Leichnams erfordert schnelle Entscheidungen und Kenntnis der lokalen Gegebenheiten. Die türkischen Behörden arbeiten hier oft effizient, aber die Sprachbarriere kann in Momenten der Trauer eine zusätzliche Last sein.
Das Erbrecht in der Türkei ist komplex, aber beherrschbar. Der wichtigste Rat für jeden Immobilienbesitzer: Regeln Sie Ihre Angelegenheiten zu Lebzeiten. Ein zweisprachiges, notariell beglaubigtes Testament in der Türkei kostet nicht viel, spart Ihren Erben aber Monate an Unsicherheit und Gerichtskosten.







