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السلطان عبد المجيد الأول

Sultan Abdülmecid I.: Der Tanzimat-Reformer & Erbauer des Dolmabahçe-Palasts

5 Min. Lesezeit Aktualisiert: December 15, 2025

Sultan Abdülmecid I. ging als der große Erneuerer in die osmanische Geschichte ein. Seine Regierungszeit (1839–1861) markierte den Beginn der modernen Türkei: Er stieß die tiefgreifenden Tanzimat-Reformen an, öffnete das Reich kulturell nach Westen und hinterließ mit dem Dolmabahçe-Palast ein monumentales Erbe. Doch seine Ära war auch geprägt von schweren Krisen – vom Konflikt um Ägypten bis zum kostspieligen Krimkrieg.

Porträt von Sultan Abdülmecid I. in westlicher Uniform
Sultan Abdülmecid I. in moderner Uniform statt im traditionellen Kaftan.

Abstammung und Familie

Abdülmecid wurde am 25. April 1823 in Konstantinopel (heute Istanbul) geboren. Er war der Sohn des Reform-Sultans Mahmud II. und dessen Gemahlin Bezmiâlem Valide Sultan. Seine Erziehung war für einen osmanischen Prinzen revolutionär: Er erhielt eine westlich geprägte Bildung und sprach als erster Sultan fließend Französisch, die damalige Sprache der Diplomatie.

Sein Harem und seine Familie waren zahlreich. Zu seinen wichtigsten Gemahlinnen (Kadın Efendi) zählten:

  • Servetseza Kadın (Hauptfrau/Başkadin)
  • Şevkefza Kadın (Mutter von Sultan Murad V.)
  • Tirimüjgan Kadın (Mutter von Sultan Abdülhamid II.)
  • Gülcemal Kadın (Mutter von Sultan Mehmed V. Reşad)
  • Gülistu Kadın (Mutter von Sultan Mehmed VI. Vahideddin)
  • Rahime Perestu Kadın (Adoptivmutter Abdülhamids II. und spätere Valide Sultan)

Thronbesteigung in stürmischen Zeiten

Als Abdülmecid am 2. Juli 1839 – kurz nach dem Tod seines Vaters – den Thron bestieg, war er erst 16 Jahre alt. Das Reich befand sich in einer Existenzkrise: Die osmanische Armee hatte gerade die Schlacht von Nizip gegen den ägyptischen Statthalter Muhammad Ali Pascha verloren, und der Admiral Ahmed Fevzi Pascha hatte die gesamte Flotte an die Ägypter übergeben.

Nur durch das Eingreifen der europäischen Großmächte (Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen) konnte der Zerfall verhindert werden. Die Londoner Konvention von 1840 regelte den Frieden: Muhammad Ali erhielt die erbliche Statthalterschaft über Ägypten, musste jedoch Syrien, Kreta und die osmanische Flotte zurückgeben. Diese Episode verdeutlichte, wie sehr das Überleben des Reiches bereits von der europäischen Diplomatie abhing.

Gemälde des jungen Sultan Abdülmecid

Die Legende der Hilfe für Irland (1847)

Ein bis heute faszinierendes Kapitel seiner Herrschaft ist die osmanische Hilfe während der Großen Hungersnot in Irland (Great Famine). Historisch gesichert ist, dass Sultan Abdülmecid 1.000 Pfund Sterling (nach heutigem Wert eine beträchtliche Summe) spendete. Ein Dankesschreiben irischer Notabeln an den Sultan wird noch heute in den osmanischen Archiven verwahrt.

Hartnäckig hält sich zudem die Erzählung, der Sultan habe ursprünglich 10.000 Pfund spenden wollen, sei aber von britischen Diplomaten gebremst worden, um Königin Victoria (die 2.000 Pfund spendete) nicht zu beschämen. Auch die Geschichte von drei osmanischen Schiffen, die trotz britischer Blockade heimlich Lebensmittel im Hafen von Drogheda entluden, ist fester Bestandteil der lokalen Folklore in Irland – auch wenn offizielle Schiffsregister dafür bis heute keine Beweise liefern. Fakt ist jedoch: Das Wappen der irischen Stadt Drogheda (Stern und Halbmond) existierte bereits Jahrhunderte vor der Hungersnot, wird heute aber von den Einwohnern oft stolz als Symbol dieser historischen Freundschaft interpretiert.

Darstellung der osmanischen Hilfe für Irland

Die Ära der Tanzimat-Reformen

Abdülmecids wichtigstes politisches Vermächtnis war die konsequente Modernisierung des Staates. Mit dem Hatt-ı Şerif von Gülhane (3. November 1839) und dem späteren Hatt-ı Hümayun (1856) garantierte er allen Untertanen – unabhängig von ihrer Religion – Schutz von Leben, Ehre und Eigentum.

Seine wichtigsten Reformen im Überblick:

  • Finanzen: Einführung der ersten osmanischen Banknoten (Kaime) im Jahr 1840.
  • Symbole: Standardisierung der türkischen Flagge (Mondstern auf rotem Grund) im Jahr 1844 und Einführung der Nationalhymne (Mecidiye Marşı).
  • Militär: Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (1843/44) anstelle der willkürlichen Aushebungen.
  • Recht & Verwaltung: Gründung moderner Gerichte nach französischem Vorbild und Aufbau einer zentralisierten Bürokratie. Interessant in diesem Kontext ist auch die spätere Entwicklung der Regionen, wie etwa im Osmanischen Jerusalem, wo die Reformen das Stadtbild nachhaltig prägten.
  • Bildung: Gründung eines Bildungsministeriums (1857) und Planung der ersten Universität (Darülfünun).
  • Menschenrechte: Verbot des Sklavenhandels (Schließung des Sklavenmarkts in Istanbul 1847), auch wenn die Sklaverei als Institution noch nicht vollständig abgeschafft wurde.

Der Krimkrieg und die Schuldenfalle

Der Krimkrieg (1853–1856), in dem das Osmanische Reich an der Seite von Großbritannien und Frankreich gegen Russland kämpfte, brachte zwar den militärischen Sieg und die Neutralisierung des Schwarzen Meeres (Frieden von Paris 1856), hatte aber einen hohen Preis. Um den Krieg zu finanzieren, musste der Sultan 1854 die ersten Auslandsanleihen aufnehmen. Dies war der Anfang einer Spirale aus Verschuldung, die das Reich in den folgenden Jahrzehnten in die finanzielle Abhängigkeit Europas trieb.

Britische Soldaten in Istanbul vor dem Krimkrieg
Britische und französische Truppen sammelten sich in Istanbul, um an der Seite der Osmanen zu kämpfen.

Dolmabahçe-Palast: Prunk am Bosporus

Sultan Abdülmecid wollte beweisen, dass das Osmanische Reich ein moderner europäischer Staat war. Dafür verließ er den traditionellen Topkapı-Palast und ließ zwischen 1843 und 1856 den Dolmabahçe-Palast errichten. Der Bau verschlang immense Summen: Die Kosten beliefen sich auf fünf Millionen osmanische Goldlira, was etwa 35 Tonnen Gold entsprach.

Nach aktuellen Goldpreisen (Stand: Dezember 2025, ca. 2.750 USD/Unze) entspräche dieser Goldwert heute einer astronomischen Summe von über 3 Milliarden US-Dollar. Allein für die Verzierung der Decken sollen Berichten zufolge bis zu 14 Tonnen Blattgold verarbeitet worden sein. Wer heute den Prunk besichtigen möchte, kann dies wunderbar mit einer Tour verbinden – der Palast ist vom Wasser aus besonders beeindruckend, weshalb viele Besucher gerne eine Yacht in Istanbul mieten, um die Fassade in ihrer ganzen Breite zu bestaunen.

Prachtvolle Fassade des Dolmabahçe-Palasts

Auch die Innenausstattung war von Weltklasse: Riesige Kristalllüster und kostbare Teppiche schmückten die Säle. Bis heute zeugen die dortigen anatolischen Teppiche von der meisterhaften Handwerkskunst jener Zeit.

Tod und Nachfolge

Sultan Abdülmecid I. starb am 25. Juni 1861 im jungen Alter von 38 Jahren an Tuberkulose – dem gleichen Leiden, das auch schon andere Mitglieder seiner Familie getroffen hatte. Er wurde in der Nähe der Yavuz-Selim-Moschee in Istanbul beigesetzt. Sein Nachfolger wurde sein Halbbruder Sultan Abdülaziz, der die Reformpolitik zunächst fortführte, aber ebenfalls mit den erdrückenden Schuldenlasten zu kämpfen hatte.

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