Lebensmittelindustrie in der Türkei | Analyse & Trends
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Ein Großteil der Haselnüsse, Trockenfrüchte und Teigwaren in europäischen Supermärkten stammt aus einem Land, das viele immer noch unterschätzen. Die Türkei ist längst kein reiner Lieferant für Kebab und Baklava mehr, sondern eine feste Säule der europäischen und nahöstlichen Lebensmittelversorgung. Wer in Deutschland zu Nudeln, Aprikosen oder Tomatenmark greift, hat sehr oft ein Produkt aus türkischer Produktion im Einkaufswagen.
Als Expat, der seit Jahren in der Türkei lebt, sehe ich diese Branche nicht nur in Statistiken, sondern im Alltag. Preise wechseln schneller als Preisschilder gedruckt werden, Hersteller rechnen in Euro, während Konsumenten in Lira zahlen. Die gute Nachricht: Die extreme Phase der Teuerung hat sich spürbar abgekühlt. Die offizielle Lebensmittelinflation lag laut TÜİK zuletzt bei 28,31 % (Stand: Ende 2025, veröffentlicht Januar 2026). Gleichzeitig bleiben türkische Produzenten auf den Weltmärkten konkurrenzfähig.

Die Hard Facts: Wirtschaftsmotor Lebensmittel
Ohne Beschönigung: Die Lebensmittel- und Getränkeindustrie gehört zu den stabilsten Devisenbringern des Landes. Nach aktuellen Angaben der Branchenverbände beliefen sich die türkischen Agrar- und Lebensmittelexporte von Januar bis November 2025 auf 24,79 Milliarden US-Dollar. Das ist die letzte offiziell bestätigte Zahl und die Referenzbasis für Berichte im Jahr 2026.
Warum die Türkei mehr ist als nur ein Anbaugebiet
Wer einmal durch Anatolien gereist ist, versteht schnell, welchen Stellenwert Essen hier hat. Für Einkäufer und Investoren zählt jedoch etwas anderes: die Position zwischen zwei Absatzmärkten, die kaum unterschiedlicher sein könnten.
- Europa (Qualität & Nähe): Kurze Lieferketten, EU‑konforme Standards und Bio‑Zertifizierungen machen die Türkei für Near‑Shoring attraktiv. Gerade mittelständische europäische Marken verlagern Teile der Produktion bewusst hierher.
- MENA‑Region (Volumen & Halal): Für den Nahen Osten ist die Türkei ein zentraler Lieferant halal‑konformer Lebensmittel. Der globale Halal‑Lebensmittelmarkt wird aktuell auf rund 1,7 bis 2,6 Billionen US‑Dollar geschätzt – je nach Berechnungsmethode.
Spannend für Branchenkenner: Türkische Milchprodukte werden im Nahen Osten oft als Premiumware vermarktet, während sie in der EU eher im preislich attraktiven Segment landen. Diese doppelte Positionierung verschafft Herstellern Spielraum, den viele Wettbewerber nicht haben.
Die Realität vor Ort: Inflation vs. Exportdruck
Der Inlandsmarkt bleibt angespannt. Trotz sinkender Inflation achten Konsumenten stärker auf Preise, Handelsmarken gewinnen weiter an Bedeutung. Für Produzenten bedeutet das: Wachstum kommt vor allem aus dem Ausland.
Für ausländische Einkäufer ist das ein Vorteil. Viele Hersteller kalkulieren bewusst in Euro oder US‑Dollar, um sich gegen die Lira‑Schwankungen abzusichern. Wer professionell verhandelt, trifft auf erstaunlich flexible Partner.
Die Export-Champions: Was sich wirklich lohnt
Nicht jede Produktgruppe ist gleich attraktiv. Besonders stark zeigen sich aktuell folgende Segmente:
- Mehl & Pasta: Die Türkei zählt seit Jahren zu den führenden Exportnationen in diesem Bereich. Die Leistungsfähigkeit der Mühlen‑ und Teigwarenindustrie gilt weiterhin als international wettbewerbsfähig.
- Trockenfrüchte & Nüsse: Haselnüsse, Feigen und Aprikosen bleiben Aushängeschilder. Genaue Marktanteile lassen sich 2026 zwar nicht offiziell beziffern, die Preissetzungsmacht ist jedoch weiterhin hoch.
- Verarbeitete Lebensmittel: Tomatenmark, Konserven und eingelegtes Gemüse werden zunehmend für Handelsmarken in der EU produziert.
- Aquakultur: Wolfsbarsch und Dorade aus türkischen Zuchten sind fest im europäischen Handel etabliert. Konkrete Exportzahlen für 2026 liegen noch nicht offiziell vor, der Trend bleibt jedoch positiv.
Key Player: Wer den Ton angibt
Beim Aufbau von Handelsbeziehungen tauchen diese Namen immer wieder auf:
- Yıldız Holding (Ülker): International aufgestellter Konzern mit starken Marken im In‑ und Ausland.
- Sütaş: Maßstab im Bereich Milch, Joghurt und Käse.
- Anadolu Etap: Bedeutender Produzent von Frischobst und Fruchtsaftkonzentraten für internationale Abnehmer.
- Konbaksan: Relevant für Getreide, Reis und Hülsenfrüchte.
- Pınar: Bekannt für Fleischprodukte und funktionale Lebensmittel.
Import-Guide: Praxiswissen statt Theorie
Die Zollunion mit der EU erleichtert vieles, ersetzt aber keine Vorbereitung. Aus Erfahrung bewährt sich folgende Checkliste:
- Währung klar festlegen: Verträge möglichst in Euro oder Dollar abschließen. Aktuelle Richtwerte (Januar 2026): ca. 43 TRY/USD und 50 TRY/EUR.
- Recht sauber arbeiten: Eine ordentliche Beglaubigung beim Noter spart Ärger mit Zoll und Banken.
- Lokale Partner nutzen: Ein erfahrener Broker kostet Provision, verhindert aber Fehlchargen, Lieferverzögerungen und Kommunikationsprobleme.
Fazit: Realistische Chancen für Profis
Die türkische Lebensmittelindustrie ist heute deutlich stärker industrialisiert und exportorientiert als noch vor wenigen Jahren. Moderne Anlagen, ausländisches Kapital und die Nähe zu Europa sprechen für den Standort – trotz aller wirtschaftlichen Reibungen.
Egal ob Sie Kochgeschirr einkaufen oder palettenweise Lebensmittel importieren: Wer den Markt versteht und sauber arbeitet, findet in der Türkei verlässliche Partner. Die Lernkurve ist steil – der Ertrag kann es auch sein.







